Jörg Widmann

Jörg Widmann : Jörg Widmann: Lied (2003, rev. 2009) for orchestra

Jörg Widmann: Lied (2003, rev. 2009) for orchestra

,,Vor Schuberts Musik stürzt die Träne aus dem Auge, ohne erst die Seele zu befragen:
so unbildlich und real fällt sie in uns ein. Wir weinen, ohne zu wissen warum; weil wir so noch nicht sind, wie jene Musik es ver-spricht [...].“ (Theodor W. Adorno über Franz Schubert)

Über den Ausgangspunkt seines Auftragswerkes zum Thema „Franz Schubert“ war sich Jörg Widmann schnell im Klaren: Im Zentrum seiner Arbeit sollte die Melodik Schuberts stehen. „Schubert ist ein Genie der Melodik“, sagt Widmann. Nichts habe ihn so sehr fasziniert an dessen Schatten wie die Fähigkeit, Melodien zu erdenken, auszuformulieren, auszuspinnen – Melodien freilich, die nicht nur „schön“ sind, sondern die den Hörer unmittelbar gefangen nehmen in ihrer ungeheuren Intensität. Widmanns ursprüngliche Stückidee bestand daher darin, ein einstimmiges Orchesterwerk zu schreiben, ein Werk also, in dem das Orchester zu einem einzigen Gesangsapparat wird, in dem „alle Instrumente singen, unablässig singen, eine Art ewige Melodie“. Geplant war, mit anderen Worten, ein Orchesterstück, das „seine Linien ganz ungeschützt und ,nackt‘ präsentiert, ohne ,Haltenetz‘ ohne Sicherheit, als wenn man einem Schubert-Lied die Begleitung wegnehmen würde“.

Diese Idee hat sich erhalten in Widmanns Lied für Orchester, doch rückte er insofern von seinem anfänglichen Vorhaben ab, als er sich dazu entschloss, neben den einstimmigen Partien auch Abschnitte einzuarbeiten, die zwischen Ein- und Mehrstimmigkeit vermitteln. Erreicht wird dies durch die Hinzufügung harmonisch-klanglicher Ebenen, was dann allerdings dazu führen kann, dass einzelne Passagen des Werkes regelrecht auseinander zu brechen drohen, weil sich zwei Satzschichten scheinbar unversöhnlich gegenüber stehen: im Vordergrund der melodische Linienzug, oft im dreifachen Forte, affektiv aufgeladen; darunter eine harmonische Grundschicht, die, zuweilen im vierfachen Piano und kaum mehr hörbar, maskenhaft, bedrohlich und fahl den fernen Klanggrund bildet.

Was auf diesem Wege Eingang in Widmanns Komposition finden konnte, war der für Schuberts Musiksprache so typische Charakter des „Suchens“, des - harmonischen - „Wanderns“, das ständige „Verirren“ und „Doch-Weitergehen-Müssen“, das sich immer dann einstellt‘ wenn Klänge unaufgelöst bleiben und eine andere Fortsetzung erfahren als erwartet. Genau dieses „Verloren-Sein“ des musikalischen Subjekts im Geschehen macht für Widmann auch die ungemeine Modernität Schuberts aus. Kon-krete Anspielungen auf bestimmte Werke wollte er zwar vermeiden, doch musste er die Erfahrung machen, dass Schuberts Streichquintett sowie sein Oktett, sei es auch nur in kleinsten Details, in seine Kom-position „hineindrängten“. Das Resultat ist ein Werk, das von der besonderen Atmosphäre und Emotionalität der Schubertschen Musik zehrt, dabei auf zentrale kompositorische Techniken Schuberts zugreift – und doch in jedem Moment der eigenen Ausdrucksweise Widmanns verhaftet ist.

-Torsten Blaich, in: Programmheft Bamberger Symphoniker 10. Dezember 2003

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